KI-Krieg: Ein Fingerschnippen aus Washington und Europa ist weg | Possoch klärt | BR24
Während die USA und China in Sachen KI den Markt erobern, bekommt Europa derzeit gerade mal eine Teilnehmerurkunde. Dabei ist Künstliche Intelligenz zum einen weit mehr als nur Sprachmodelle wie etwa ChatGPT, Claude und Gemini – und zum anderen längst eine Ressource, die die Zukunft maßgeblich mitgestalten wird. Stürzen wir uns schon jetzt sehenden Auges in eine erneute Abhängigkeit von anderen Playern? Und was ist, wenn jemand den Stecker zieht – welche Rolle spielt Europa dann noch? Können Deutschland und Europa tatsächlich so leicht abgeschaltet werden? Possoch klärt mit Philip Fox, Gregor Schmalzried und Katharina Zweig.INHALT
00:00 Elektrizität, Verbrenner, Internet – und jetzt KI
02:00 Europe 2031: „Weiter so“ als Worst Case
06:55 Digitale Souveränität sollte Ziel werden
09:39 Europa ist spät – aber noch nicht zu spät, wenn …
Eine Gruppe von KI-Experten fordert: Europa muss sofort seinen Kurs bei Künstlicher Intelligenz ändern – und zwar radikal. Wenn das nicht geschieht, sei der Kontinent in ein paar Jahren wirtschaftlich ausgehölt und nichts als ein Spielball der eigentlichen Supermächte USA und China.
Dieses dramatische Zukunftsszenario zeichnet ein neuer spekulativer Bericht namens "Europe 2031", der am heutigen Donnerstag veröffentlicht wird.
Die Geschichte des Szenarios beginnt im Hier und Jetzt – und denkt dann weiter, was passieren könnte, wenn die aktuellen Entwicklungen in der Künstlichen Intelligenz in etwa so weiter laufen wie in den vergangenen Jahren.
Endpunkt des Szenarios im Jahr 2031: Washington kontrolliert den Zugang zu den besten KI-Modellen und teilt die beste KI nur noch mit ausgewählten Partnern.
Europas Geschäftsmodelle brechen zusammen, die Steuerbasis erodiert, soziale Unruhen nehmen zu. Deutschland trifft es in der Erzählung besonders hart: Der größte deutsche Autobauer, von chinesischer Konkurrenz an den Rand der Insolvenz gedrängt, endet als Roboterfabrik unter Kontrolle eines US-KI-Konzerns – verpackt als "Partnerschaft", bei der Berlin nur noch das Gesicht wahrt.
Die Autoren hinter dem Text wollen damit bewusst aufrütteln. Es soll keine Prognose sein, "sondern ein plausibles Szenario, worauf Europa gerade zusteuern könnte". Das erklärt Philip Fox, einer der Autoren, im Gespräch mit dem Podcast "Der KI-Podcast" von BR24 und SWR. Wie die anderen Autoren kommt Philip Fox aus der Mitte der KI-Politik. Fox arbeitet beim Berliner Thinktank KIRA Center, der sich mit KI-Sicherheitspolitik beschäftigt. Andere Autoren sind unter anderem die Tech-Investorin Judith Dada und der KI-Forscher Michiel Bakker.
Der Text mitsamt Titel ist eine Anlehnung an den vieldiskutierten Text "AI 2027", mit dem letztes Jahr eine Gruppe von KI-Forschern vor einer sich selbst verbessernden KI warnten.
Im Zentrum ihrer These: Künstliche Intelligenz ist weit mehr als nur eine Technologie, sondern auch ein Rohstoff. Schon heute sind moderne KI-Systeme aus vielen Unternehmen nicht mehr wegzudenken – doch diese Unternehmen sind dabei größtenteils von Technologie aus den USA abhängig.
Europa hat aktuell weder eigene Top-Modelle wie GPT-5.5 oder Claude Fable, noch hat es überhaupt die Rechenzentren, um solche Modelle selbst zu entwickeln und betreiben. Nur etwa fünf Prozent der aktuellen KI-Rechenleistung steht in Europa. Über zwei Drittel stehen in den USA. Und die Schere geht immer weiter auseinander.
Im Silicon Valley, erzählt Fox, gelte Europa vielen längst als verlorener Posten – als Kandidat für eine "Permanent Underclass", ein "geopolitisches Prekariat, aus dem man einfach nicht mehr rauskommt". Von amerikanischen Kollegen höre sein Team Fragen wie: "Warum kommt ihr nicht einfach ins Silicon Valley, nehmt das letzte Ticket, solange es noch geht?"
Weiterführende Links:
https://www.handelsblatt.com/technik/ki/ki-was-die-anthropic-sperre-fuer-eu-firmen-bedeutet-sieben-antworten/100233306.html
https://europe2031.ai/de/
https://www.handelsblatt.com/technik/ki/kuenstliche-intelligenz-europas-zweite-chance-milliardenwette-auf-neue-ki-labore/100231182.html
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz/ki-als-wachstumschance-was-europa-jetzt-tun-muss-accg-200960702.html
https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-06-09/china-will-usa-bei-ki-uberholen-mit-255-milliarden-euro-fur-ki-infrastruktur
https://table.media/europe/standpunkt/ki-souveraenitaet-die-gefaehrliche-abhaengigkeit-der-eu-von-china-und-usa
Presenter: Dominic Possoch
Videoproduktion: Benedict Heydel
Grafik: Anna Hunger, Harald Vorbrugg
Recherche und Text: Anna Feininger, Dominic Possoch
Redaktion BR24: Jürgen P. Lang, Gudrun Riedl
© BR24
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