Gisèle Pelicot: „Es war ein Prozess gegen die Feigheit und gegen das Leugnen“ | maischberger
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„Nein, das Wort Ikone passt nicht zu mir“, sagt Gisèle Pelicot im Gespräch mit Sandra Maischberger. Eine Historikerin habe sie einmal eine „Aufrüttlerin“ genannt – das treffe ihre Rolle eher. Sie verstehe sich als jemand, der erzähle, was geschehen sei, um das Bewusstsein anderer zu wecken.
Der 2. November 2020 habe ihr Leben unwiderruflich verändert, so Pelicot. Sie habe nicht geahnt, „dass mein Leben danach für immer zerstört sein wird“. In der Polizeistation seien ihr Fotos gezeigt worden, die sie zunächst nicht als Bilder ihrer selbst erkannt habe. Erst nach und nach habe sie begriffen, dass sie es tatsächlich sei. Später habe sie auch verstanden, warum sie über Jahre Gedächtnislücken und körperliche Beschwerden gehabt habe.
Ihr damaliger Ehemann habe sie systematisch manipuliert, schildert Pelicot. Als sie wegen ihrer Aussetzer einen Neurologen habe aufsuchen wollen, habe er abgewiegelt: „Du machst den Kindern nur wieder unnötig Sorgen. Ich bin mir sicher, dass dir nichts fehlt.“ Ärzte hätten Alzheimer vermutet, Angststörungen diagnostiziert oder verharmlost, was sie schilderte. Niemand habe erkannt, dass der Mann an ihrer Seite sie über Jahre betäubt und fremden Männern ausgeliefert habe. Rückblickend sagt sie, er habe ihr Leben aufs Spiel gesetzt.
Im Prozess habe sie sich bewusst für Öffentlichkeit entschieden – obwohl sie anfangs „im Erdboden versinken“ wollte. Drei Jahre habe sie gebraucht, um wieder Vertrauen zu fassen. Schließlich habe sie auf den Ausschluss der Öffentlichkeit verzichtet, um zu zeigen, dass Opfer keine Schuld trügen. Ihr Leitsatz: „Die Scham muss die Seite wechseln. Die Opfer müssen sich nicht schämen. Wir sind nicht schuldig, wir sind nicht verantwortlich.“
Als sie den Angeklagten im Gerichtssaal erstmals gegenüberstand, habe sie sich „sehr klein“ gefühlt, aber beschlossen, „meinen Kopf bis zum Ende oben zu halten“. In dem Moment, als klar geworden sei, dass der Prozess öffentlich geführt werde, habe sie die Wut in den Gesichtern der Angeklagten gesehen. Für sie sei es „ein Prozess gegen die Feigheit und gegen das Leugnen“ gewesen. Viele hätten ihre Taten relativiert oder bestritten: „Vergewaltigung war für diese Männer kein Verbrechen.“
Vor ihren Peinigern habe sie keine Tränen zeigen wollen. „Nicht vor den Augen meiner Peiniger. Da hätte ich mich niemals gehenlassen.“ Ihr Ziel sei eindeutig gewesen: „Ich wollte, dass sie schuldig gesprochen werden – und ich habe gewonnen.“
Trotz allem suche sie die Konfrontation mit ihrem Ex-Mann. Sie wolle ihn sehen, „um ihm Fragen zu stellen“ und ihm sagen, „dass er uns verraten hat. Er hat unsere Familie zerstört, er hat alles kaputt gemacht.“ Sie habe geglaubt, sie könne ihn „zum Licht ziehen“, doch er habe sich „für das Böse entschieden“. Heute spricht Gisèle Pelicot von Lebensfreude als Teil ihrer Identität: „Man darf nicht vergessen: Das Leben ist vergänglich. Deshalb darf man auch nicht vergessen, glücklich zu sein.“ Receive SMS online on sms24.me
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