Keine Kinder: Versagt Deutschland bei der Familienpolitik? | Possoch klärt | BR24
Jahr und Jahr unterbieten sich die Geburtenraten in Deutschland. 2025 wurden so wenige Kinder geboren wie seit 1946 nicht. Wollen junge Menschen etwa keine Familie mehr gründen? Oder werden sie zerrieben in einem System, das kinder- und familienunfreundlich ist? Und was heißt das für Politik und Gesellschaft? Possoch klärt mit Irene Gerlach, Kilian Hampel, Lukas Riedel und Katharina Wrohlich.INHALT
00:00 Rock Bottom für die Geburtenrate
01:44 Wollen junge Leute wirklich keine Kinder?
05:02 Das System hält Familien klein
08:49 Ist das schon Krise?
12:00 Problem erkannt – Aber warum passiert nichts?
14:08 Was sich ändern müsste
Schon seit einigen Jahren sinkt die Geburtenrate. 2021 lag sie noch bei durchschnittlich 1,58 Kindern pro Frau, 2024 erreichte sie einen Wert von 1,35. Die Geburtenrate für 2025 wird im Juli veröffentlicht.
"Das ist ein sehr abrupter und schneller Abfall, auch vor dem Hintergrund, dass die Geburtenrate von 2005 bis 2018 von 1.35 auf 1.57 Geburten gestiegen war", sagt Henrik-Alexander Schubert vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung (MPIDR). Zwar unterliege die Geburtenrate Schwankungen, die Entwicklung seit 2021 sei aber ungewöhnlich.
In Bayern ist die Geburtenrate leicht höher als im bundesweiten Durchschnitt – sie lag 2024 bei 1,39. Aber auch in Bayern lässt sich der Abwärtstrend seit 2021 beobachten. Laut Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg wurden 2021 insgesamt 134.321 Kinder in Bayern geboren – 2025 waren es 110.573.
Wie lässt sich die sinkende Geburtenrate erklären? Wissenschaftliche Untersuchungen verweisen allen voran auf eine Kombination aus globalen Krisen, wirtschaftlicher Instabilität und schwieriger Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Aufgeschobene Geburten könnten später nachgeholt werden, sagt Schubert vom MPIDR – solch ein Nachholeffekt sei auch in der Vergangenheit beobachtet worden. "Dem könnte allerdings entgegenstehen, dass heutzutage das Durchschnittsalter bei Geburten höher ist. Dadurch sind der Zeitraum und das biologische Potenzial, Geburten nachzuholen, begrenzt", so Schubert. Falls Krisen länger andauern, könne es auch zu einem "kontinuierlichen Aufschub" kommen.
"Man sieht aber: Es ist nicht so, dass Familie nicht mehr gewollt ist, oder dass junge Menschen sagen, Familie ist out", sagt Katharina Spieß, Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Das Institut erforscht den Kinderwunsch von Menschen in Deutschland.
Demnach haben sich Frauen 2025 durchschnittlich 1,67 Kinder gewünscht, Männer 1,63. Die Diskrepanz zwischen diesem Wert und der deutlich niedrigeren Geburtenrate wird in der Fachliteratur als "Fertility Gap" bezeichnet.
"Es wünschen sich sehr viel mehr Kinder als die, die das dann realisieren. Das ist genau das, was uns als Forscher umtreibt und in meinen Augen auch das, was die Politik am meisten interessieren sollte", sagt Spieß.
Aus wirtschaftlicher Sicht bräuchte es in Deutschland mehr Geburten, um langfristig die Sozialsysteme zu stabilisieren. 2,1 Kinder pro Frau gelten allgemein als das sogenannte "Bestandserhaltungsniveau“.
Weiterführende Links:
https://www.br.de/nachrichten/wissen/wenige-geburten-geburtenrate-fertility-gap,VIvgvs2
https://www.faz.net/podcasts/f-a-z-podcast-fuer-deutschland/geburtenrate-in-deutschland-faellt-auf-den-tiefsten-stand-seit-1946-200858443.html
https://service.destatis.de/bevoelkerungspyramide/#!
https://www.focus.de/finanzen/insa-umfrage-kinder-fuer-mehrheit-der-deutschen-nicht-mehr-bezahlbar_db92d366-9db5-4593-b97a-fdeeca08822c.html
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitsmarkt-stellenangebote-jobsuche-wird-schwieriger-100.html
https://www.br.de/nachrichten/bayern/mammutaufgabe-ganztagsbetreuung-an-grundschulen,VJgk2z1
Presenter: Dominic Possoch
Videoproduktion: Benedict Heydel, Louis Sulejmanovic
Grafik: Maxi Schumann, Susanne Baur
Recherche und Text: Anna Feininger, Dominic Possoch
Redaktion BR24: Jürgen P. Lang, Gudrun Riedl
© BR24
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